Liebe Interessierte, Jugendliche, Frauen und Männer mit Kinderwunsch und werdende Eltern,

wir freuen uns, dass Sie Interesse an unserem Projekt

Deutsches FASD KOMPETENZZENTRUM Bayern

haben!

Im Folgenden haben wir für Sie zusammengefasst:

  1. Information zum Risiko Alkohol
  2. Wirkung von Alkohol auf das ungeborene Kind
  3. Beeinträchtigungen des kindlichen Gehirns durch Alkohol
  4. Lebensumstände, die Alkoholkonsum begünstigen
  5. Was kann ich tun?
  6. Links zu weiteren Informationen


Wenn Sie Fragen haben, können Sie sich gerne an uns wenden: fasd@med.uni-muenchen.de.

Ihr Team des Deutschen FASD KOMPETENZZENTRUM Bayern

Risiko Alkohol

Alkohol ist ein in unserer Gesellschaft weit verbreitetes Rauschmittel und Umweltgift, das neben den sehr vielseitigen, oft erwünschten Wirkungen auf unseren Körper, wie beispielsweise Beruhigung oder Enthemmung, ein Zellgift ist, das die Körperzellen des ungeborenen Kindes in ihrer Entwicklung hemmen oder sogar schwer beschädigen kann. Besonders anfällig für diese schädigende Wirkung des Alkohols und seiner Abbauprodukte sind Körperzellen, die Veränderungen und Entwicklungen durchlaufen, bei denen es zu starker Zellvermehrung und Zellwanderung kommt. Da die Organe des Kindes im Mutterleib noch wachsen und ihre Funktionen erst entwickeln müssen, befinden sich also fast alle Körperzellen des kindlichen Organismus in einem solchen Zustand des Zellwachstums und der Zellwanderung. Daraus erklärt sich, dass das heranwachsende Kind in besonderem Maße durch die schädlichen Auswirkungen des Alkohols gefährdet ist.

Was macht Alkohol im Körper des ungeborenen Kindes?

Die Geburt eines Kindes wird von vielen werdenden Eltern sehnsüchtig erwartet und bringt oftmals sehr große Veränderungen für das Leben der Familie mit sich. Die Vorgänge, die sich während der 9 ½ Monate der Schwangerschaft vollziehen, damit sich aus einer befruchteten Eizelle ein einzigartiger und überlebensfähiger kleiner Mensch entwickeln kann, sind komplex und in ihrem festgelegten Ablauf für die spätere Funktionsfähigkeit der Körperorgane von großer Wichtigkeit. Damit diese Entwicklung so reibungslos wie möglich ablaufen kann, hat der Embryo im Inneren der Gebärmutter einen wohltemperierten und sehr gut geschützten Platz, an dem er versorgt durch den Mutterkuchen langsam heranwachsen und sich entwickeln kann.

Im Mutterkuchen verzweigen sich kleine Gefäße des Kindes mit den dort mündenden Gefäßen der Mutter. Hier findet während der gesamten Schwangerschaft der für das Kind überlebenswichtige Transport und Austausch von Nährstoffen und Sauerstoff statt. Über diese für das Kind so wichtige Verbindung zum mütterlichen Blutkreislauf können jedoch auch potentiell schädliche, im Blut der Mutter gelöste Stoffe zum Kind gelangen. Zwar besteht eine Art Filtersystem zwischen den beiden Kreisläufen, das nicht für alle Stoffe durchlässig ist, jedoch können bei Weitem nicht alle möglicherweise für das Kind gefährlichen Stoffe durch diesen Filter aufgehalten werden. Daher besteht die Gefahr, dass diese Stoffe, die die Mutter während der Schwangerschaft zu sich nimmt, direkt zu dem heranwachsenden Kind gelangen und dort seine eigentlich so gut geschützte Entwicklung schwer beeinträchtigen können.

Ein Beispiel für einen solchen Stoff ist Alkohol oder Ethanol, der, von der werdenden Mutter konsumiert, über den Verdauungstrakt in deren Blutkreislauf gelangt. Dort wird der Alkohol durch biochemische Prozesse in den Körperzellen zu einem Teil umgewandelt, so dass Abbauprodukte entstehen. Sowohl der Alkohol selbst als auch die Abbauprodukte können den Filter zwischen mütterlichem und kindlichem Blutkreislauf ungehindert passieren und gelangen daher auf direktem Weg in den kindlichen Organismus. Der erwachsene Körper verfügt über verschiedene Mechanismen, unter anderem sogenannte Enzyme, die als winzige Eiweiße im Körper Abbau- und Umbauprozesse beschleunigen. Durch diese kann er den Alkohol kontinuierlich abbauen und ausscheiden. Die ist im heranwachsenden kindlichen Körper während der Schwangerschaft ganz anders. Hier sind die notwendigen Enzyme, die einen raschen Alkoholabbau sowie eine Ausscheidung der Abbauprodukte ermöglichen, entweder noch gar nicht oder nur in sehr begrenztem Maße vorhanden und ausgereift. Die Folge ist, dass der kindliche Körper aus Ermangelung an Enzymen den Alkohol nur sehr langsam abbauen kann. Dies führt dazu, dass die Zeit, in der die kindlichen Zellen der schädlichen Alkoholwirkung ausgesetzt sind, viel länger ist als im mütterlichen erwachsenen Organismus.

Alkohol und das kindliche Gehirn

Grundsätzlich kann jedes Organ des kindlichen Körpers durch Alkohol in seiner Entwicklung beeinträchtigt werden. Eine besondere Rolle kommt hierbei jedoch dem Gehirn zu, da dieses sich über den gesamten Zeitraum der Schwangerschaft stetig weiterentwickelt. Dies steht im Gegensatz zu anderen Organen, die bestimmte Entwicklungsschritte zu definierten Zeitpunkten der Schwangerschaft abgeschlossen haben. Fertig entwickelt sind die Organe nicht mehr in ganz so hohem Ausmaß für die schädliche Alkoholwirkung anfällig. Dies erklärt, weshalb das Gehirn in vielen Fällen das am schwerwiegendsten betroffene Organ ist, wenn es zu einer Schädigung des kindlichen Organismus durch Alkohol während der Schwangerschaft kommt.

Unser Gehirn ist ein sehr vielfältiges und komplexes Organ, in welchem verschiedenste Strukturen in Netzwerken zusammenarbeiten und uns so unser menschliches Leben und unser soziales Miteinander ermöglichen. Sie erlauben uns, eine Vielzahl menschlicher Eigenschaften zu entwickeln, wie beispielsweise den Gebrauch der Sprache, das Erleben und Verstehen von Gefühlen, das Ausüben und Planen von Bewegungen und Handlungen, das Entwickeln einer Persönlichkeit, aber auch unsere Sinnesfunktionen wie Sehen, Hören, Schmecken, Fühlen und vieles mehr. Treffen Alkohol oder seine Abbauprodukte im kindlichen Organismus auf das hochsensible und verletzbare Gehirn und werden hierdurch die Zellentwicklung behindert oder Zellen geschädigt, kann es in all diesen genannten Funktionen zu Beeinträchtigungen kommen. Das Gehirn von Kindern, die während der Schwangerschaft Alkohol ausgesetzt waren, kann beispielsweise kleiner sein als das von Gleichaltrigen oder das Kind kann aufgrund der Schädigung unter Krampfanfällen leiden. Das erkrankte Kind kann auch große Schwierigkeiten in der Konzentrations- und Merkfähigkeit haben oder eine mangelhaft entwickelte Impulskontrolle haben. Andere Kinder, die Alkohol im Mutterleib ausgesetzt waren, sind verzögert in der Entwicklung von Sprache oder Motorik. Sehr häufig haben diese Kinder auch Schwierigkeiten im Verstehen von Ursache-Wirkungs-Zusammenhängen und haben deutliche Probleme bei der Erledigung von Alltagsaufgaben wie Anziehen oder Duschen. Die Gesamtleistung des geschädigten Gehirns bleibt dauerhaft unterentwickelt. Das heißt, die Kinder, die während der Schwangerschaft durch Alkohol geschädigt wurden, haben auch im Jugend- und Erwachsenenalter große Probleme, ihr Leben selbstständig zu meistern.

Auch weitere Folgen einer Alkoholexposition des Kindes im Mutterleib sind bekannt. Da die Entwicklung des Gesichts während der Schwangerschaft sehr eng mit der Gehirnentwicklung verbunden ist, zeigen Kinder, die eine Schädigung durch Alkohol während der Schwangerschaft erlitten haben, manchmal charakteristische Auffälligkeiten in ihrem Aussehen. Oft ist das Lippenrot der Oberlippe sehr schmal und das sogenannte Philtrum, die zwei Falten zwischen Nase und Oberlippe, sind flach. Die Länge der Augen kann verkürzt sein. Die Wirkung des Alkohols auf bestimmte Hormone im Körper des Kindes kann eine mangelnde Wachstums- und Gewichtsentwicklung bedingen. Letztlich können alle Organe des heranwachsenden Kindes – auch zum Beispiel das Herz, die Nieren, die Leber und die Knochen – durch den Alkohol in ihrer Entwicklung in einem solchen Ausmaß geschädigt werden, dass sie dauerhaft in ihrer Funktion eingeschränkt sind.

Die Krankheit und die damit einhergehende Behinderung, die durch Alkohol im Mutterleib beim Kind entsteht, nennt man Fetale Alkoholspektrumstörung, kurz FASD.

Alkhol und Lebensumstände

Natürlich entsteht eine Schwangerschaft nicht immer geplant oder erwartet. Es kann vorkommen, dass eine Frau die Schwangerschaft erst bemerkt, wenn diese weit fortgeschritten ist. Ungeplante Schwangerschaften stellen werdende Eltern manchmal vor sehr große Herausforderungen oder treffen auf schon vorher bestehende schwierige Lebensumstände. Schließlich kann die Schwangerschaft selbst, auch wenn sie geplant und herbeigewünscht war, eine psychische oder körperliche Belastung darstellen oder sich zu einer solchen entwickeln. Für manche Menschen kann es sehr schwer oder nahezu unmöglich sein, auf Alkohol zu verzichten, weil sie an einer Suchterkrankung oder einer anderen psychischen Erkrankung leiden, und es gelingt ihnen nicht, während der Schwangerschaft auf Alkohol zu verzichten. Die Gründe dafür, dass Menschen während der Schwangerschaft Alkohol konsumieren, sind sehr vielfältig. Dies möchten wir anhand der folgenden Fallbeispiele veranschaulichen

Fallbeispiele

Fallbeispiel 1:

Die 17jährige Lisa lebt in einem kleinen bayerischen Dorf und wird ungewollt schwanger. Sie bemerkt die Schwangerschaft sehr früh, möchte aber aus Angst vor den Reaktionen ihrer Eltern und Freunde nicht, dass diese von der Schwangerschaft erfahren. Bei Zusammenkünften der Dorfgemeinschaft, Festen oder Treffen mit ihren Freundinnen verhält sie sich daher bewusst angepasst, um Nachfragen der anderen zu vermeiden. Sie trinkt auch in Maßen Alkohol, so wie es die anderen von ihr kennen. Im Verlauf der Wochen wird Lisa im Hinblick auf die Schwangerschaft sicherer und selbstbewusster und beginnt, sich auf das heranwachsende Kind zu freuen. Etwa in der 20. Schwangerschaftswoche traut sie sich schließlich, ihrem Umfeld von der Schwangerschaft zu berichten und hört etwa zu diesem Zeitpunkt auf, Alkohol zu konsumieren. Als das Kind nach 40 Schwangerschaftswochen zur Welt kommt, ist es zu klein und zu leicht und hat einen zu kleinen Kopf. Die Oberlippe ist schmal und das Philtrum (Falten zwischen und Nase) ist verstrichen. Bei Lisas Kind wird die Diagnose eines Fetalen Alkoholsyndroms gestellt.

Fallbeispiel 2:

Maria ist Ende dreißig und arbeitet als Oberärztin in einem kleinen Krankenhaus in der Abteilung für Unfallchirurgie. Eine 80-Stundenwoche und zahlreiche durchgearbeitete Nächte empfindet sie als normalen Bestandteil ihres Lebens. Sie hat sich bewusst dagegen entschieden, eigene Kinder zu haben, lebt alleine und hat wechselnde, eher lose Partnerschaften. Zu ihrem 38. Geburtstag erfüllt sie sich einen großen Traum und fliegt zusammen mit ihrer Studienfreundin nach Paris, wo die beiden ihren Arbeitsalltag hinter sich lassen und von den Anziehungen der aufregenden Stadt mitgerissen werden. Sie ziehen mehrere Nächte durch die Bars, probieren die verschiedenen Cocktails durch und lassen sich auf Joints und ein paar „Lines“ (Kokain) einladen. Maria hat im Stress ihres Arbeitsalltags das bereits längere Ausbleiben der Monatsblutung im Vorfeld nicht wahrgenommen. Als sie, zurück aus ihrem Urlaub, ihre Schwangerschaft bemerkt, ist sie bereits in der 15. Schwangerschaftswoche. Die weitere Schwangerschaft und Geburt verlaufen ohne Probleme. Marias Sohn braucht sehr lange, um sprechen zu lernen und tut sich auch beim Schreiben und Lesen sehr schwer. Später verliert er ständig Dinge und vergisst, was er schon gelernt hat. Außerdem findet er auch noch mit 10 Jahren nicht alleine den Weg in die Schule. Er kann einfache Aufgaben im Alltag wie Händewaschen und Tischdecken nicht alleine planen und durchführen, obwohl er dies möchte. Die Mutter macht sich große Sorgen und stellt ihren Sohn auf Empfehlung des Kinderarztes in einem Sozialpädiatrischen Zentrum vor. Hier wird die Diagnose einer alkoholbedingten entwicklungsneurologischen Störung gestellt.

Fallbeispiel 3:

Carolin leidet seit ihrem 20. Lebensjahr an einer Depression und befindet sich daher in engmaschiger psychiatrischer Betreuung. Mithilfe der verordneten Medikamente und regelmäßiger Gesprächstermine bei einem Psychotherapeuten gelingt es ihr, sich trotz der schweren Erkrankung in ihrem Alltag gut und selbständig zurechtzufinden. Sie lebt mit ihrem Freund in einer Wohnung und wünscht sich eigene Kinder. Als ihr Kinderwunsch in Erfüllung geht, setzt Carolin ihre Medikamente ab, da sie Angst hat, dass diese ihr Kind schädigen. Sie beginnt, abends unter Ängsten zu leiden, fühlt sich oft traurig und kann nur sehr schlecht schlafen. Ihr Freund macht sich Sorgen und versucht sie zu unterstützen, indem er abends gemütlich mit ihr ein Glas Wein trinkt. Dies führt zu einem zwar geringen, aber fast täglichen Alkoholkonsum der werdenden Eltern. Carolin geht davon aus, dass „das bisschen Alkohol“ für ihr Kind weniger schädlich ist als ihre Tabletten gegen die Depression. Carolins Tochter hat später große Konzentrationsprobleme in der Schule, rastet schnell aus und kann Gefahren kaum einschätzen. Im Rahmen einer kinderpsychiatrischen Vorstellung werden bei Carolins Tochter nicht nur Probleme im Denken, in der Aufmerksamkeit und im Verhalten festgestellt, sondern auch Auffälligkeiten des Gesichts. Die Diagnose eines partiellen Fetalen Alkoholsyndroms wird gestellt.

Was kann ich als werdende Mutter oder werdender Vater tun?

Sie als Frau sollten, wenn Sie nicht ausreichend verhüten oder ein Kind bekommen möchten, von Anfang an und vollständig auf Alkohol verzichten. Alkohol ist zu keinem Zeitpunkt der Schwangerschaft sicher oder ungefährlich für Ihr Kind.

Sie als Mann, PartnerIn oder Angehörige/r können die werdende Mutter dadurch unterstützen, dass auch Sie auf den Konsum von Alkohol verzichten und die Frau in ihrer Abstinenz bestärken.
Falls Ihnen der Verzicht auf Alkohol sehr schwer fällt oder Sie nicht abstinent sein können, holen Sie sich Hilfe z.B. bei einer Drogenberatungsstelle oder Schwangerschaftsberatungsstelle.

Durch Alkoholkonsum während der Schwangerschaft gehen Sie das Risiko ein, dass Ihr Kind eine schwere Schädigung und damit eine Behinderung erleidet, die es während seines gesamten Lebens begleiten und beeinträchtigen wird. Durch Verzicht auf Alkohol können Sie Ihr Kind schützen.

Wenn Sie Ihre Schwangerschaft erst spät bemerkt und Alkohol getrunken haben, hören Sie jetzt damit auf. Dadurch wird das Risiko, dass Ihr Kind durch den Alkohol geschädigt wird, deutlich kleiner.

Kein Alkohol = Kein Risiko – Sie selbst entscheiden!

Weitere Informationen – Links (für Bayern)

Schwangerschaftsberatungsstellen:

Drogenberatungsstellen:

Erziehungsberatungsstellen

Links zu Projekten zur Vorsorge von Alkoholkonsum in der Schwangerschaft:

Drogenbeauftragte der Bundesregierung (Projektunterstützung):

Bayerisches
Staatsministerium für Gesundheit und Pflege (Projektunterstützung):

Robert-Vogel-Stiftung (Projektunterstützung):